Hofnarr für Vorstandsetage gesucht!

Hofnarr für Vorstandsetage gesucht!

Sollten Vorstände eine längst ausgestorbene Berufsgattung zu neuem Leben erwecken?  

 

 

Hofnarren hatten eine wichtige Funktion, denn sie waren die einzigen, die einem König sagen konnten, was sie wirklich über ihn und das, was er tat, dachten. Der Hofnarr verriet dem König zudem, wie es um seinen Hofstaat tatsächlich bestellt war und berichteten ihm von all jenen Dingen, die seine Minister vor ihm versuchten geheim zu halten. Meist waren Hofnarren extrem kluge Menschen, die den Ernst des Gesagten in ein Kleid aus Witz und Humor, gepaart mit einer Brise Verrücktheit hüllten. Aber, und das ist immer wieder zu lesen, waren es offensichtlich die wichtigsten Ratgeber eines Herrschers. 

 

Freigeist gesucht, der die Wahrheit spricht ...!

.... stell dir mal vor, ein Vorstand würde eine Stellenanzeige aufgeben, die mit diesen Worten beginnt! Und stell dir dann noch vor, dass diese Stelle extrem gut bezahlt würde. Würde es hunderte an Bewerbungen hageln oder würden sich alle denken, die diese Stellenanzeige lesen, dass es sich um einen seltsamen Scherz handelt? Es könnte aber auch sein, dass sich viele Geschäftspartner melden und fragen würden: "Was ist denn bei Euch los, seid ihr jetzt komplett verrückt geworden?". Vielleicht würde diese Anzeige aber auch durch die sozialen Medien rasen und einen Hype an Entsetzen und Empörung, ob solch eines Wahnsinns erreichen. Es könnte aber auch sein, dass sich viele und vor allem Mitarbeiter denken würden: "Endlich! Sie kommen zur Vernunft". 

 

Wieviel Wahrheit verträgt ein Vorstand?

Die Frage ist interessant, denn sie würde im Umkehrschluss bedeuten, dass ein Mangel an Wahrheit herrscht. Meine Beobachtung ist nicht, dass es an Wahrheit mangelt, sondern eher am "Wir sagen mal besser nicht alles." oder "Es ist jetzt nicht opportun, das zu sagen." oder und das ist leider sehr häufig "Warum soll gerade ICH das jetzt sagen? Sollen es doch die anderen ansprechen!".

 

Es braucht schon ein gerüttelt Maß an Achtsamkeit und Selbstreflexion,  die heutzutage ein Manager mitbringen muss, um zu erkennen, was um ihn herum geschieht. Gerade Mitarbeiter sind häufig der Meinung, dass der Vorgesetzte doch sehen MUSS, was da schief läuft bzw. dass sie Missstände offen und deutlich genug angesprochen haben, aber der Chef es einfach nicht sehen und wahr haben will. Die Komplexität, der ein Chef in dieser globalen Welt ausgesetzt ist, ist enorm. Und dabei bleibt oft das Gespür für die Mitarbeiter und deren Bedürfnisse auf der Strecke. 

 

Lasst es mich am Bild des Hofnarren greifbarer machen. 

Wenn es also zu einer Wiederbelebung dieses Berufsbildes käme, dann wäre der Narr direkt beim Vorstand angesiedelt und es wäre die Aufgabe des Narren, eben diesem, seinem König, ganz unverblümt zu sagen, was er über ihn und sein Handeln denkt und was in seinem Hofstaat tatsächlich los ist.  

 

Vorstände würden dann vielleicht Sätze wie diese hören und sie wüssten, dass es wahr ist:

  • Narr: "Das hast du jetzt echt super gemacht!" - Vorstand denkt: wann hat mich das letzte Mal jemand gelobt?
  • Narr: "Toll, wie du mit diesem Mitarbeiter ganz offen und dennoch wertschätzend gesprochen hast." - der gute Umgang mit Mitarbeitern ist heute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
  • Narr: "Sehr gute strategische Entscheidung! Gratuliere dir!" - Weitblick gehört unbedingt dazu.
  • Narr: "Wie konntest du gerade nur so ruhig bleiben? Das war ein unerträglich hirnloses Geschwalle, das dieser Arschkriecher von sich gegeben hat." - solche Mitarbeiter bringen das Unternehmen nicht voran.
  • Narr: "Sag mal, spinnst du? Wie konntest du gerade deine Sekretärin so anschreien? Geh und entschuldige dich bei ihr!" - oh, ein Ausrutscher. Wichtig, ich entschuldige mich bei ihr, nicht vergessen.
  • Narr: "Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass du in jedem zweiten Satz "Quasi..." sagst und deine Zuhörer schon Strichlisten führen und dir gar nicht mehr richtig zuhören?" - Nein, das hat mir noch niemand gesagt. Das ist ja furchtbar.
  • Narr: "Dein Mitarbeiter ist mit seinem Job überfordert. Er richtet in seinem Zuständigkeitsbereich nur Chaos an und die Mitarbeiter sind total frustriert. Du musst etwas tun, aber so kannst du es nicht laufen lassen." - das ist mir ehrlich gesagt noch nicht aufgefallen. Da muss ich etwas tun. 

Die Liste ließe sich noch um einiges erweitern und sicherlich fallen dir noch zig Beispiele aus deinem Umfeld oder dem Umfeld deiner Freunde ein. Sie soll im Prinzip auch nur exemplarisch unterschiedliche Dimensionen unseres menschlichen Handelns aufzeigen. Der Narr würde dabei die Rolle eines Spiegels einnehmen, den er dem "König" vorhielte. Dieser Spiegel hätte allerdings die Besonderheit, dass er die Wahrheit spräche, so wie damals bei Schneewittchen. Nun wirst du vielleicht sagen: "Ja, so ein Spiegel wäre toll" oder du bist der Meinung: "Wer braucht schon so einen blöden Spiegel?". 

 

Ich bin überzeugt, dass so ein Spiegel Gold wert ist. Wir alle sind nur Menschen und unsere Tagesform ist unterschiedlich. Auch Vorstände sind nur Menschen.  Wäre dieser Spiegel ein Narr, hätte es für manch einen Vorstand den ungeheuren Vorteil, dass er zwar die Wahrheit über die eigene Wirkung und das, was in seinem Unternehmen tatsächlich vorgeht, erfahren würde, sie aber auch beliebig als "Geschwätz eines Narren" abtun könnte, den man nicht ernst nehmen muss. Wohl dem Vorstand, der zu seinen direkten Mitarbeitern ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, das einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander in beide Richtungen möglich macht. Dann bräuchte es keinen Narren, denn die (engsten) Mitarbeiter sind in diesem Fall der Spiegel. 

 

Wenn es eine geheime Abstimmung unter Deutschlands Vorständen gäbe, mit der Frage, ob sie sich einen Narr an ihrer Seite wünschen, der ihnen immer die Wahrheit -positiv wie negativ- sagen würde, wie wäre wohl das Abstimmungsergebnis? 

 

In diesem Sinne, habt den Mut in den Spiegel zu schauen!

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